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25 Jahre Rock am Ring - über Mythos und Zukunft des Festivals

Verfasst von Gisela Kirschstein am So, 23/05/2010 - 18:31.
Marek Lieberberg.jpg

(Wortlautinterview)

25 Jahre Rock am Ring - Konzertveranstalter Lieberberg über Mythos und Zukunft des Festivals

Anfang Juni feiert das Open-Air-Festival Rock am Ring sein 25-jähriges Bestehen. 1985 war das dreitägige Großereignis am Nürburgring das erste Festival seiner Art seit den 70er Jahren. Inzwischen spielen am Ring jedes Jahr rund 90 Bands auf drei Bühnen vor 80 000 bis 90 000 Besuchern.

Zum Jubiläum in diesem Jahr spendiert Veranstalter Marek Lieberberg einen Bonustag. Über die Anfänge des Festivals, legendäre Auftritte und die Zukunft von Rock am Ring sprach Lieberberg mit Gisela Kirschstein für Rhein-Wied-News:

RW-N: Herr Lieberberg, 25 Jahre Rock am Ring - erklären Sie uns den
Mythos!

Lieberberg: Das hat zwei Gründe: Zum einen, dass sich in unserer
relativ kurzlebigen Zeit ein Event herausgebildet hat, das über
zweieinhalb Jahrzehnte nichts von seiner Anziehungskraft verloren
hat und nach wie vor das führende Festival im deutschsprachigen Raum
ist. 25 Jahre sind heutzutage schon fast ein Hauch von Ewigkeit - was
allein den Mythos aber noch nicht begründen würde. Der hängt auch
damit zusammen, dass Rock am Ring das erste mehrtägige
Open-Air-Festival war, das 1985 nach mehr als einem Jahrzehnt
Unterbrechung wieder veranstaltet wurde.

Ich hatte in der Folge von Woodstock vorher schon zwei
Open-Air-Festivals organisiert, die British Rock Meetings 1970 in
Speyer und 1972 in Germersheim. Es war mein Wunsch, diese Tradition
fortzusetzen, was aber weder mir noch anderen gelang. Es war damals
in Deutschland einfach nicht möglich, eine entsprechende Spielstätte
anzumieten. Dagegen sperrten sich Städte, Gemeinden, Behörden,
Politiker, Pfarrer, sie alle wandten sich gegen diese neue
Jugendkultur.

Erst 1985 eröffnete sich die Möglichkeit, erneut ein
Mehrtagesfestival zu veranstalten - und zwar auf dem Nürburgring. Das
isolierte Motodrom war wohl den Verantwortlichen weit genug weg vom
Schuss, um dort ein derartiges Wagnis einzugehen.

RW-N: Hatten Sie gleich die Vision, das läuft jetzt für die nächsten
25 Jahre?

Lieberberg: Nein, das wäre wohl vermessen gewesen. Es war schwierig
genug, ein solches Abenteuer in einem Niemandsland zu wagen und aus
dem Stand heraus 80 000 Besucher an den Nürburgring zu locken - ein
wahrhaft herkulisches Unterfangen. Nach dem großen Erfolg bei der
Premiere haben wir zunächst von Jahr zu Jahr gedacht. Gleichzeitig
fand das Festival überall in Deutschland Nachahmer.

RW-N: Viele der Nachahmer-Festivals gibt es heute nicht mehr, Rock
am Ring schon.

Lieberberg: Der Ring hat sich immer wieder neu erfunden. Es wurden
mehrere Bühnen initiiert, von zwei auf drei Tage verlängert, und es
fand eine Öffnung zu anderen Musikstilen statt, das war ganz wichtig.
Und natürlich ist die Location selbst trotz ihrer Einschränkungen
etwas Besonderes: Am Ring ist eine Balance möglich zwischen der
Forderung des Publikums nach Freiheit und einer Regie, die die Zügel
nicht schleifen lässt.

Die Eifel ist eine archaische Landschaft, man muss schon schmerzfrei
sein, um den Rucksack zu schnüren, das Zelt einzupacken und dann
vier, fünf Tage auszuharren. Die eigentliche Faszination des
Nürburgrings ist, dass die Menschen Rock am Ring als ihr eigenes
Festival ansehen. Dieses wunderbare Publikum ist ein wesentlicher
Teil der Magie.

RW-N: Nun ist das Festival aber auch immer größer geworden. Stößt es
an seine Kapazitätsgrenze?

Lieberberg: Man kann schon sagen, dass die heutige Form - drei Tage
auf drei Bühnen mit 90 bis 100 Bands - eine zeitliche und räumliche
Grenze darstellt. Inhaltliche Veränderungen innerhalb dieses Rahmens
sind aber immer möglich. Zum Jubiläum haben wir ja jetzt auch einen
Bonustag hinzugefügt. Die Aufgabe ist jetzt mehr die programmatische
Justierung als die große Veränderung. Es geht darum, immer wieder
interessante musikalische Tendenzen aufzugreifen, neue spektakuläre,
kulturelle Entwicklungen, wichtige innovative Strömungen - aber
keineswegs Neuerung um der Neuerung willen.

RW-N: Wo liegt denn die Zukunft von Rock am Ring?

Lieberberg: Wir müssen unsere Hand am Puls der Zeit haben, sehen,
antizipieren, was über die Dauer eines Tages hinaus Wirkung
entfaltet. Ich kann mir durchaus mal multimediale Akzente am Ring
vorstellen. So wären beispielsweise Auftritte der Blue Man Group oder
von Stomp am Ring denkbar. Gerade an den Schnittstellen zwischen Rock
und Theater, Show und dem Popgenre gibt es viele spannende Ansätze,
die wir aufgreifen können und werden.

RW-N: Open Airs haben also noch Zukunft?

Lieberberg: Ganz eindeutig ja. Das Live-Erlebnis mit seiner Vehemenz
und Leidenschaft hat gerade im Zeitalter der Internetlastigkeit und
der Konzentration auf virtuelle Ablenkung als Gegenreaktion eine
steigende Bedeutung. Open Airs sind aus dem kulturellen Leben der
Gegenwart gar nicht mehr weg zu denken, das wird sich ganz bestimmt
nicht ändern. Hinzu kommt eine enorme Sehnsucht nach einem
Gemeinschaftserlebnis. Es ist schon erstaunlich, wenn 80 000 bis 90
000 Menschen zusammenkommen und dabei so friedfertig miteinander
umgehen. Allerdings muss man bei Open Air-Events in Deutschland immer
mit Spitzenbands locken - mehr als in anderen Ländern, wo das
Festival selbst das eigentliche Ereignis ist.

RW-N: Gab es mal ein grausiges Rock am Ring für Sie?

Lieberberg: Die Festivals haben stets viele Emotionen und große
Leidenschaft evoziert, insofern sind sie mir alle in positiver
Erinnerung geblieben. Wir mussten dennoch in vielen Jahren mit dem
unberechenbaren Eifel-Wetter kämpfen - das war die eigentliche
Herausforderung. Blitz, Hagel und Wolkenbrüche waren unsere
permanenten Begleiter. Veranstaltungen mussten unterbrochen werden
und einmal waren wir dazu gezwungen, in Windeseile die gesamte
Bühnenbespannung herunterzureißen, um nicht davon geweht zu werden.
Wir haben wahrhaftig gelernt, mit dem Orkan zu leben.

RW-N: Und gab es ein herausragendes Rock am Ring?

Lieberberg: Für mich wird das erste Rock am Ring immer einen
besonderen Stellenwert haben. Nach vielen Jahren der Frustration und
der Sehnsucht erfüllte sich endlich mein Jugendtraum. Und wenn man
dann mit U2 bei der Premiere die Band engagiert, die bis heute die
Musikgeschichte prägt, dann bleibt das natürlich in der Erinnerung
haften. Bono hat sogar singend das Zeltdach erklommen, eine enorme
akrobatische Leistung ohne Netz und doppelten Boden. Es ist
glücklicherweise gut ausgegangen, Bono hat überlebt, und das Festival auch.

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